So nah mit ihr
Bettina von Arnim, geborene Brentano,
wurde am 4.4.1785 in Frankfurt geboren
und starb am 20.1.1859 in Berlin.
Ihr Todestag jährt sich 2009 zum 150. Mal.
Das theater be und das Tanztheater Johanna Knorr planen aus diesem Anlass ein gemeinsames Performance-Projekt, bestehend aus einer Montage von Kompositionen der Bettine und Textfragmenten aus ihrem Briefwechsel mit der romantischen Dichterin Karoline von Günderrode. Die Freundschaft der beiden sehr jungen Frauen, ihr emotionaler Gehalt, soll tänzerisch dargestellt werden. Das Thema ‚Freundschaft zwischen sehr jungen Frauen‘ und die Konflikte, die sich mit den Lebens- und Liebesbedingungen der jeweiligen Zeit ergeben, sind zeitlos und immer wieder aktuell.
Die Geschichte der Romantiker/innen ist durchaus als Parabel für Heute anzu-sehen: In einer Zeit, angesiedelt zwischen dem Ende der Französischen Revolution und der bald beginnenden, konservativen Restauration, war ihre Generation eine ‚verlorene‘. An die Ideale der Revolution durften sie nicht anknüpfen, der konservativen Erneuerung konnten sie sich nicht (gleich) anschließen.
Die ‚Bettine‘ hielt bis an ihr Lebensende an den Idealen ihrer Jugend fest und scheute später keine Konflikte mit der Zensur oder den Behörden, während ihre Altersgenossen entweder im preußischen Staat Karriere machten (Savigny) oder in den katholischen Mystizismus abdrifteten (Clemens Brentano).
Nach dem Tod ihres Mannes, des Dichters Achim von Arnim 1831, begann Bettine, ihre Briefe aus ihrer Jugendzeit nach philosophischen Prinzipien der Romantik literarisch zu bearbeiten. Ein herausragendes Werk ist ihr Briefroman ‚Die Günderode‘ in dem sie einerseits der Freundin, die 1806 Selbstmord beging, ein Denkmal setzt, sie andererseits aber auch in ihrem Sinne und ihrer politischen Intention gemäß inszeniert. Dennoch wäre ohne Bettines Einsatz das Werk der Dichterin heute vergessen.
Dieser Roman und ihre originalen, nicht bearbeiteten Briefe, dienen dem Projekt als Quelle für die Textteile, ergänzt durch Zitate von Goethe und Friedrich Creuzer, der letzten unglücklichen Liebe der Karoline von Günderrode.
In neuerer Zeit finden sich einzelne Charakterzüge des romantischen Denkens in der Dark-Wave und Gothic-Subkultur, wie im Black- und Dark Metal. Auch die minimalistische Musik spielt mit Elementen der romantischen Klaviermusik. Für das Projekt ist vorgesehen, behutsam Motive davon bei der musikalischen Bearbeitung von Bettines Kompositionen aufzunehmen.
Ein junger Komponist wird die auf ihre Substanz reduzierte Musik mit zeitgenössischen Mitteln bearbeiten und interpretieren.
Eine Sprecherin erzählt die Geschichte der beiden jungen Frauen aus der Pers-pektive der älteren, nun inszenierenden Bettine. Ihr Blick auf den Beginn ihrer Freundschaft, wie sie sich einander annähern, mit welchen Inhalten sie sich beschäftigen, das Fröhliche, Spielerische während ihres Zusammenseins, ihr Glück und Leid in Liebesbeziehungen, das Auseinanderbrechen der Freundschaft und ihre Auseinandersetzung mit ihrer Altersgruppe – die der leidenschaftlichen, jungen Romantiker eben, die sich gegen das geltende rein vernunftorientierte und rationalistische Weltbild auflehnen. Auch hier sind Bezüge zu heute zu erkennen.
Auf der Bühne ist die Figur der Bettine in eine junge Frau und die ältere gespalten. Weiterhin treten als Nebenfiguren auf: der Bruder Clemens Brentano und Friedrich Creuzer.
Für das Bühnenbild wird ein Raum geschaffen, der die Elemente Tanz und Musik, Sprache und Licht in einer Installation integriert (schlichte weiße, reflektierende und verschiebbare Wände, vergleichbar denen im Tanzfilm ‚Iberia‘ von Carlos Saura).
Die Kostümgestaltung stellt eine Verbindung zwischen der Mode der Romantik und der heutigen her.
Die Texte werden so ausgewählt, daß der Originalton erhalten, jedoch das Antiquierte der romantischen Sprache vermieden wird.
Konzeption von Barbara Englert, Jutta Kaußen und Johanna Knorr
Regie: Barbara Englert
Choreographie: Johanna Knorr
Dramaturgie und Textauswahl: Jutta Kaußen
Musik: Jacob Bussmann
Sprecherin: Barbara Englert
Tänzerin, die ältere Bettine: Johanna Knorr
Tänzerin, die junge Bettine: Anja Aristarkhova
Tänzerin, Karoline: Sarah Martin
Premiere: 18.6.09